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"3.300 Normen"

Wohnungen zu bauen wird in Deutschland auch ohne Berücksichtigung der Grundstückskosten immer teurer. Dass es auch anders geht, beweisen unsere Nachbarn in den Niederlanden. Christof Hardebusch sprach darüber mit Professor Dr. Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Michael Voigtländer: „Im Wohnungsbau wird viel zu wenig getestet.“ (Bild: IW Köln)
Michael Voigtländer: „Im Wohnungsbau wird viel zu wenig getestet.“ (Bild: IW Köln)

Sie und Ihre Kollegen haben über die Grenze geschaut, um zu sehen, ob deutlich steigende Baukosten im Wohnungsbau wirklich sein müssen. Was haben Sie herausgefunden?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Das Beispiel Niederlande zeigt, dass eine Begrenzung des Anstiegs der Baukosten möglich ist. Dazu haben unsere Nachbarn ihre Bauordnung gründlich entschlackt. Eine gute Idee war es aus meiner Sicht dabei, nicht detailliert Ausführungsvorschriften zu setzen, sondern Ziele zu definieren, etwa beim Schallschutz oder bei der Energieeffizienz. Die Bauwirtschaft hatte damit Gelegenheit, kreativ auf diese Anforderungen zu reagieren.

In Deutschland sind die Baukosten seit 2007 um 33 Prozent gestiegen, in den Niederlanden dagegen nur um sechs Prozent. Wer oder was treibt hierzulande die Kosten?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Generell sind es die immer höheren Anforderungen an den Neubau. Energetische Auflagen spielen bei den Kostensteigerungen eine große Rolle, aber auch der Schallschutz. Der für den Brandschutz notwendige Aufwand ist regelrecht explodiert. Hinzu kommen kommunale Belastungen, beispielsweise die Schaffung von Stell-plätzen oder die Beteiligung des Bauträgers an der Erstellung notwendiger Infrastruktur. Kurzum: Es gibt nicht den einen Kostentreiber, sondern viele.

Die Berechnung von Baukosten ist komplex. Wie verlässlich sind die zur Verfügung stehenden Daten?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Die Daten zu den Baukosten stammen vom Statistischen Bundesamt beziehungsweise vom Zentralen Amt für Statistik in den Niederlanden. Die deutschen Angaben orientieren sich dabei an den in der DIN 276 festgelegten Kostengruppen und werden aus den vom Bauherrn angegebenen „veranschlagten Kosten der Bauwerke“ berechnet. Wir vergleichen die Kosten je Wohnung. Deshalb sind diese Daten aus meiner Sicht verlässlich und vergleichbar.

Zumindest verbal sind sich alle Beteiligten einig, dass wir in den wirtschaftlich florierenden Großstädten dringend bezahlbaren Wohnraum benötigen und deshalb kostengünstiger bauen müssen. Warum geschieht real so wenig in dieser Richtung?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Weil weder Politik noch Bauindustrie entsprechend vorgehen. Die Politik verschärft Auflagen in sehr kurzen Intervallen und macht dabei detaillierte Vorgaben. Der Industrie bleibt jeweils nur wenig Zeit, sich darauf einzustellen. Eine Kostensenkung durch Skalierung kann so nicht stattfinden. Aber auch die Bauindustrie tut sich schwer. Jahrelang hieß es, „Deutschland ist gebaut“ und Neubauten machen nur Sinn, wenn sie sich qualitativ deutlich vom Bestand abheben. Dass günstige Neubauten benötigt werden, ist ein relativ neuer Anspruch. Die Wirtschaft muss sich darauf erst einstellen. Hilfreich wären Öffnungsklauseln in den Bauordnungen. Die bestehenden Bauordnungen sind innovationsfeindlich, weil sie Experimente verhindern. Deshalb wird im Wohnungsbau viel zu wenig getestet.

Der Immobilien- und auch der Bauwirtschaft geht es derzeit sehr gut. Fehlt der Anreiz, etwas zu ändern?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Das kann man zumindest vermuten. Jedenfalls ist die Debatte um kostengünstigere Bauweisen etwas abgeebbt. Warum sollte man auch günstiger werden, wenn die eigenen Produkte knapp und die Preise entsprechend hoch sind? Vielleicht wird kostengünstiges Bauen erst dann richtig interessant, wenn der Bauboom vorbei ist und es lohnend erscheint, sich über den Preis zu positionieren. Günstige Unterkünfte werden aber bereits heute gerade in den Ballungsräumen und beliebten Universitätsstädten gebraucht. Demografische Prognosen zeigen aber auch, dass dieser Trend wieder abnehmen wird. Die Einsicht könnte zu spät kommen.

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Sie fordern, die Landesbauordnungen durch eine technologieoffene Bundesmusterbauordnung zu ersetzen. Wie realistisch ist dieser Ansatz?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Leider nicht sehr. Politiker können mit diesem Thema wenig gewinnen, weil es einerseits arbeitsintensiv ist, andererseits aber erst in einigen Jahren Früchte tragen würde.

Eine bundesweit einheitliche Musterbauordnung würde Vorteile für serielle Bauweisen bringen. Könnte die Bau- und Immobilienwirtschaft diesen Vorteil überhaupt nutzen?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Die Wirtschaft zeigt sich in diesem Punkt zumindest skeptisch, denn serielle Bauweisen machen nur auf größeren Flächen Sinn, damit ausreichende Stückzahlen erreicht werden können. Und neben der Bauordnung gibt es ja noch die unterschiedlichsten Vorstellungen und Vorgaben in den jeweiligen Kommunen, die dem Bauen in Serie entgegenstehen. Aber eine einheitliche Bauordnung würde die Nutzung von Größenvorteilen durch seriellen Wohnungsbau auf jeden Fall erleichtern.

Die Baukostensenkungskommission hat 3.300 für den Wohnungsbau relevante Normen gezählt. Nur weil viele Köche den Brei verderben, werden diese Köche nicht einfach den Löffel aus der Hand geben. Wer entscheidet, welche Norm wegfallen kann und welche nicht?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Die Niederlande haben vorgemacht, wie es gehen kann. Dort wurde nicht modifiziert oder gestrichen, sondern schlicht neu angefangen, mit einem innovativen, an Zielen orientierten Ansatz. Leider zeichnen sich die Normgeber in Deutschland dadurch aus, dass sie nicht nur festlegen, welche Ziele erreicht werden sollen, sondern immer auch am besten zu wissen meinen, wie man zu diesen Zielen gelangt. Oder, noch schlimmer, der Weg wird wie in der Energie-Einsparverordnung festgelegt, aber niemand weiß, ob die damit verbundenen Ziele überhaupt erreicht werden. Denn der Energieausweis schafft in seiner bisherigen Form keine Verlässlichkeit.

Wann werden wir Wohnungen endlich kostengünstiger bauen können?
Professor Dr. Michael Voigtländer: Das Beispiel Niederlande zeigt, dass sich Kostensteigerungen eindämmen lassen. Eine Senkung halte ich aber für unrealistisch. Günstiger Wohnraum wird auch in Zukunft im Bestand zu finden sein.

Das Gespräch führte Christof Hardebusch.

02.11.2018