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Wie leben wir morgen?

Technik statt menschliche Fehleranfälligkeit: Eine Zeitreise in das Jahr 2050 von Thomas Anderer, CEO des Innovationszentrum efeuCampus Bruchsal.

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Zukunftsszenario oder schon Gegenwart? Viele Entwicklungen befinden sich längst in der Testphase, einige stehen bereits vor der Integration. Unser Symbolbild zeigt Aila, die humanoide Roboter-Frau des Deutschen Forschungszentrums für Künstliche Intelligenz. (Bild: Maximalfocus/Unsplash)

Im Jahr 2050 besteht die Weltbevölkerung aus circa 9,7 Milliarden klimabewussten Smart Citizens. Sie leben länger und haben mittlerweile das Weltall und die Tiefen des Ozeans als weitere Verkehrsinfrastrukturen erobert. Aber welche agilen Errungenschaften stecken dahinter? Wie haben sich die Menschen im Jahr 2050 auf der Erde entwickelt und welche Innovationen haben sie zu einer solchen Agilität befähigt?

Mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung wohnt in multifunktionalen Wolkenkratzern, sogenannten Gigapoleinheiten. Sie funktionieren wie eigenständige Ministädte, wobei ganze Etagen als Fabriken, Büros, Unterhaltungszentren, Bildungseinrichtungen oder Wohngebiete dienen und sich über hunderte von Metern unter der Erde erstrecken, um mehr Lebensraum zu gewinnen und Platz zu sparen. Die Gebäude, auch Green Buildings genannt, bestehen aus 3D-gedruckten Komponenten, mit Solar-Fassaden und dezentralen Windkraftanlagen auf den Dächern, die Energie produzieren. Die Kraft-Wärme-Kälte-Kopplung deckt den restlichen Energiebedarf ab und führt somit zu niedrigen Energiekosten.

Kaum noch Individualverkehr

Die urbane Infrastruktur für den Verkehr ist nachhaltig und hoch performant. Sie wird dominiert von datengesteuerten, autonom fahrenden Shuttles, die die Menschen in den Innenstädten zu ihrem Ziel bringen. Güterfahrzeuge werden dort, wo noch zulässig, in den fließenden Verkehr integriert. Individualverkehr ist nur noch außerhalb der Cityzentren möglich. Das Auto ist kein Statussymbol mehr und autonome E-Car-Sharing-Angebote haben es überwiegend ersetzt. E-Autos sind KI-gesteuert. Sie fahren eine betriebsbereite Route aufgrund von Mitfahrer-Authentifizierungsdaten. Videodetektoren an neuralgischen Punkten des Verkehrsnetzes übermitteln Signale über den gesamten Verkehrsfluss an die E-Fahrzeuge. Damit können diese, entsprechend den potenziellen Verkehrshindernissen, rechtzeitig lenken und manövrieren. Während innerhalb der Gigacitys Shuttles, E-Autos und fliegende Taxis als Transportmittel üblich sind, erfolgt der Intercityverkehr über Citycockpits, eine Art „fliegende“ Züge, oder über sogenannte Hyperloops mit Hochgeschwindigkeitsantriebssystemen. Es gibt weniger Unfälle, da dieses Verkehrssystem, im Gegensatz zur Steuerung durch den Menschen, weniger fehleranfällig ist. In innerstädtischer, urbaner Umgebung führen sensorgesteuerte, automatisierte Lieferroboter, Robotic Postoffices als Drohnen oder auch als autonome Roboter, alle Lieferungen und Operationen durch. Die Auslieferung erfolgt entweder synchron oder asynchron. Synchron, wenn der Empfänger zuhause ist, asynchron, wenn er seine Lieferung stattdessen zu einer von ihm gewünschten Uhrzeit an einer festinstallierten Station entnehmen möchte. Die Energiespeicher der Zustellfahrzeuge werden mit Ökostrom aufgeladen, was sich positiv auf den CO2-Ausstoß auswirkt.

Smarte Energiesteuerung

Die Energieinfrastruktur der Städte ist mit Smart Metern als Zähler für den Wärme-, Wasser- und Gasverbrauch ausgestattet. Diese Installationen analysieren riesige Mengen an Daten und kontrollieren den Energiebedarf. Stromverteilnetze sind so organisiert, dass viele Haushalte gleichzeitig bedarfsweise ihre Elektroautos oder ihre Energiespeicher aufladen können: Intelligente Grids, wie dezentrale Batteriespeicher oder Akkus von Elektrofahrzeugen, sind mit den Stromnetzen und den Kraft-Wärme-Kopplungen verbunden. KWK-Anlagen erzeugen nutzbare Wärme in einem simultanen thermodynamischen Ablauf, wobei die mechanische Energie sich prompt in elektrischen Strom transformiert. Die integrierten IT-Systeme übermitteln synchron den Energiebedarf von den Haushalten an die Leitstellen der Stadtwerke. So sind die jeweiligen Energie-Infrastrukturen optimal miteinander vernetzt und sichern die nachhaltige Energieversorgung der Städte. Die Megapole sind gleichzeitig Öko-Städte mit integrierter Forst- und Abfallwirtschaft 4.0. Die sensorgeschützten Anlagen sortieren hocheffizient die Wertstoffe, ohne sie vorher getrennt zu sammeln. Die in den Brennstoffen gespeicherte chemische Triebkraft des nicht recycelbaren Restmülls verwandelt sich in thermische Energie und erzeugt damit Wärme und Strom.

Intelligentes Zuhause, das die Gesundheit im Blick behält

Die Innenausstattung von Green Buildings ist individuell und komfortabel. Die Häuser sind mit cleveren Möbeln ausgestattet: Sofas, Stühle und Betten passen sich an die Form des menschlichen Körpers an, scannen und speichern die persönlichen Parameter des Hausbewohners. Einen entspannten Schlaf garantieren Bettkonfigurationen, die es erlauben, neben der Temperatur der Oberfläche, die Textur und das Stoffdekor nach Belieben einzustellen. Sensoren prüfen zur Analyse permanent die Schlafparameter und sammeln individuelle Daten zum Schlafverhalten und den Gesundheitszustand. Die Daten gelangen in ein KI-System, welches diese auswertet. Im Notfall lassen sich so schnell notwendige Rettungsmaßnahmen einleiten.

In den modernen Häusern sind kaum Haushaltsgeräte zu finden und Service-Roboter arbeiten diskret in Abwesenheit der Bewohner. Das Duschen erfolgt in einem geschlossenen Wasserkreislauf, welcher verbrauchtes Wasser reinigt und mehrfach verwendet.

Bessere Gesundheit von Menschen

Dank Impfstoffen gehören schreckliche Epidemien der Vergangenheit an. Die Telemedizin unterstützt Fachärzte und ermöglicht eine Untersuchung über einen privaten und geschützten Kanal mithilfe von VR-Brillen und Avatar-Robotern. Sie sind in der Lage, Bluttests abzunehmen und alle Arbeiten zu verrichten, um notwendige Untersuchungsergebnisse zu liefern. Für Operationen sind überwiegend elektronische Chirurgen zuständig, die diese effektiv und präzise durchführen. Die hochentwickelte Medizintechnik stellt den Menschen personalisierte und multifunktionale Prothesen zu Verfügung. Die User verwenden kybernetische Implantate, um bestimmte Körperteile zu stärken, und sind mit dieser Technologie, die mit dem Körper verschmilzt, völlig vertraut. Der Hausarztbesuch entfällt komplett. Stattdessen erstellen Roboterprogramme per App auf Basis von KI die Diagnose, machen Vorschläge und erstellen Rezepte. Direkt über die App kann der Patient jederzeit notwendige Medikamente bestellen und die vorgeschlagene Therapie beginnen. Menschen sind gesünder, da sie sich von vollwertigen Lebensmitteln ernähren. Neben Produkten, die nur online eingekauft werden, bieten Supermärkte verschiedene biologische, regionale Lebensmittel an, darunter Fleisch- und Gemüseersatzprodukte. Trends sind Diäten, die die Informationsaufnahme fördern und so den Einsatz geistiger Fähigkeiten maximieren.

New Work ist Realität

Die Gesellschafft hat sich drastisch verändert. Fern- und Telearbeit sind in den meisten Berufsfeldern Normalität. Die menschenähnlichen Roboter sind mit diversen kognitiven Fähigkeiten der künstlichen allgemeinen Intelligenz (AGI) ausgestattet und ersetzen viele Arbeitsbereiche. Sie verfügen über ein perfektes Verständnis von Emotionen und logischen Zusammenhängen der umgebenden Welt und können diese somit vollständig rekonstruieren. Gerade für alleinstehende Menschen sind humanoide Roboter von essenzieller Bedeutung: Sie leisten Gesellschaft und begleiten sie durch den Alltag. Moderne Geräte und Kontaktlinsen ermöglichen, 3D-Hologramme der Gesprächspartner wechselseitig in voller Größe zu senden und zu empfangen und diese während der Unterhaltung mit veränderbaren virtuellen Images darzustellen. Solche Kommunikationsformen lassen oft schwer unterscheiden, ob man mit Freunden in der 3D-Welt oder real verabredet ist.

Neue Businessmodelle und Ökosysteme

Digitaler Austausch ersetzt im Jahr 2050 das Phänomen der Privatsphäre. Die intellektuell vernetzten Regierungs- und Verwaltungsmaßnahmen, Cloud-Anwendungen, Big- und Open Data-Plattformen, stellen Geodaten unterschiedlicher Verzeichnisse zur freien Verfügung. Auch die Wirtschaft ist ein fester Bestandteil der abstrakten Sphäre. Durch die Vermischung von IT-Systemen und Banken sind neue Ökosysteme und Businessmodelle entstanden. Kryptowährung ist das universelle elektronische Geld, wobei die Zahlung nur noch mit implantierten Chips erfolgt. Die Sicherheit des universellen Zahlungs- und Handelssystems basiert auf in allen gesellschaftlichen Bereichen implementierten Sicherheitssystemen, die von der Öffentlichkeit verborgen sind, und die Grundlage der digitalen Ära darstellen.

Die Zukunft ist uns dicht auf den Fersen

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Thomas Anderer (Bild: T.A. privat)

Dieses Zukunftsszenario ist eigentlich eher ein Gegenwartsszenario. Viele Entwicklungen befinden sich schon in der Testphase, einige stehen sogar bereits vor der Integration. Untersuchungen belegen, dass wir in den kommenden Jahren vor einer exponentiellen Wachstumsphase der Technologien stehen. Das, was wir gestern in 100 Jahren erlebt haben, geht heute in 15 Jahren vonstatten. Wir befinden uns im Jahrhundert der Beschleunigung. Unser Leben wird zukünftig völlig anders aussehen. Dieser schnelle Fortschritt mag sich für viele Menschen beängstigend anfühlen. Doch es muss nichts Schlechtes sein, sondern kann zahlreiche Vorteile mit sich bringen.

Thomas Anderer, CEO der Innovationszentrum efeuCampus Bruchsal GmbH und Innovationscoach des Beratungsunternehmens Anderer + Partner, ist Experte für Smart City und Digitale Transformation. Zuvor war er bereits Vorstand und Manager bei Pixelpark, ID-Media und Aerome sowie Geschäftsführer der Business Impuls GmbH.

30.11.2020