zurück

Raus aus den Silos, auf zur smarten Stadt

An der HFT Stuttgart startet ein neues internationales Master-Studium "Smart City Solutions". Für Studiendekan und Stadtplaner Roland Dieterle ist smart nicht immer gleich digital.

Städte müssen „smart“ werden, wenn Sie in Zukunft noch lebenswert sein sollen (Foto: Mauro Mora/unsplash.com)
Städte müssen „smart“ werden, wenn Sie in Zukunft noch lebenswert sein sollen (Foto: Mauro Mora/unsplash.com)

Städte in aller Welt leiden zunehmend unter "Verstopfung" oder gar Verkehrsinfarkten, unter gesundheitsschädigender Luftverschmutzung, unter Lärm. Städtische Agglomerationen in vielen Weltgegenden sind dazu zusätzlich konfrontiert mit Armut, unkontrolliertem Wachstum, Müllbergen, Stromausfällen, fehlender oder mangelhaften Trinkwasserversorgung. Es fehlen Klärsysteme und oft sogar der Zugang zu Sanitäreinrichtungen. Millionen von Menschen sind durch das Fehlen der öffentlichen und oft sogar der privaten Sicherheit in ihrer Lebensqualität entschieden beeinträchtigt.

Jeden Tag einmal Stuttgart als Bevölkerungswachstum
Viele Städte bekommen darüber hinaus schon sehr hautnah die Auswirkungen des Klimawandels zu spüren – Überschwemmungen, Wassermangel, Zyklone. Hinzu kommt: die Weltbevölkerung wächst (allein Afrika jede Woche um mehr als die Einwohnerzahl von Stuttgart), gleichzeitig nimmt die Verstädterung zu. Menschen aus der Region oder von weiter entfernten Weltgegenden machen sich auf den Weg in die Städte. Dort versprechen sie sich Arbeit, mehr Wohlstand, höhere Lebensqualität.

Die Realität sieht oft diametral anders aus: Die gesellschaftliche Schere klafft weit auseinander und  gleichzeitig wächst der ökologische Fußabdruck der Städte überproportional.

Phänomene, die nur "Developing und Emerging Markets" betreffen? Nein, viele davon betreffen auch die Metropolen Europas. Kofi Annan, der frühere UN-Generalsekretär, übertreibt nicht mit seiner Prognose: ‚Die Zukunft der Welt liegt in den Städten’. Grund genug und höchste Zeit, uns verstärkt auch im Hochschulbereich diesen komplexen, für unser aller Leben unmittelbar relevanten Problemstellungen auseinanderzusetzen.

Auch die persönliche langjährige Erfahrung mit Barrieren bei nationalen wie internationalen Bau-, Infrastruktur- und Städtebauprojekten hat mich dazu bewogen, der Hochschule für Technik in Stuttgart  den Aufbau eines von Grund auf neu entwickelten Masters „Smart City Solutions“ vorzuschlagen. Zum Wintersemester startet das internationale Dual-Degree-Programm (M. Eng. in Stuttgart- und dazu fakultativ ein MBA-Abschluss in Liverpool).

Smart muss nicht immer digital sein
Um es gleich vorweg zu nehmen: Ja, Digitalisierung ist ein unverzichtbarer Baustein des smarten Ansatzes. Wir sehen darin aber keinen Selbstzweck. Die angenehme Bewegung zu Fuß und mit dem Rad zwischen möglichst nahen Arbeits- Wohn-, Begegnungs- und Erholungsorten gewinnt erfreulicherweise an Stellenwert und Akzeptanz. Sie wird auch in Zukunft  für viele Menschen in der Stadt wichtiger sein als selbstfahrende oder über unseren Köpfen schwirrende Vehikel.

Smartes Handeln fängt in den Köpfen an: Raus aus den Silos in Unternehmen wie Behörden, denn es braucht eine völlig neue, kompetenzübergreifende Zusammenarbeit fachspezifischer Kompetenzen. Das betrifft  Mobilität, Energie, Städtebau, Verwaltung, Baurecht und viele weitere Bereiche, wenn wir Städte als sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Lebenswelten erhalten wollen. Dazu braucht es Experten mit Spezialwissen in den verschiedenen Disziplinen, Generalisten, von denen es viel zu wenige gibt!

Smart City ist ein Ansatz, der weltweit, in Rio de Janeiro ebenso wie in Mumbai, in Kopenhagen ebenso wie in Bangkok, intensiv diskutiert wird.  Die Regierung von Indien hat beispielsweise ein Programm aufgelegt, zunächst 100 Städte "smart" zu machen. Das Formieren von geeigneten Beratungsteams für die in dieser Form neue Aufgabenstellung ist weltweit in vollem Gange. Übrigens: Viele Firmen und Körperschaften unterstützen unser Studienprogramm, weil sie darin eine exzellente Recruiting Ressource sehen.

Immobilienwirtschaft mit dabei
Erfreulicherweise zeigt auch die Immobilienwirtschaft ein bemerkenswertes Interesse an Smart-City-Themen. Nicht selten fordert sie inzwischen die Kommunen mit mutigen Initiativen heraus oder bringt sie an die Grenzen ihrer noch weitgehend sektoral und leider auch Digitalisierungs-aversen Denk- und Handlungsmuster.

Wir sind uns bewusst, dass wir einen hoch dynamischen Prozess anstoßen, denn das Wissen wird weltweit schnell wachsen. Neue Erkenntnisse und positive Beispiele oder auch Fragestellungen  werden uns kontinuierlich herausfordern. Dabei wollen wir das überlebenswichtige Thema nicht nur in die Hochschule hineintragen, sondern es in der Praxis zur Geltung bringen. Wir tragen aktiv dazu bei, Kompetenzen zu bündeln und  unser hoch angesehenes deutsches Ingenieurswissen, gepaart mit dem vielfach gelobten Organisationtalent, auch international stärker in den Dienst urbaner Problemlösungen zu stellen.

Autor: Professor Roland Dieterle ist Architekt und Stadtplaner. Außerdem leitet er als Studiendekan das neue Master-Studium „Smart City Solutions“ an der Hochschule für Technik in Stuttgart.

09.08.2018