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Smart City - Smart Countryside?

Während Arbeitgeberverbände und regierende Parteien über ein Recht auf Homeoffice debattieren, wird der Trend zu mehr digitaler Arbeit nicht aufzuhalten sein. Was bedeutet das für die Stadtentwicklung? Ein Beitrag von Viktor Weber.

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Das ländliche Umland ist technisch oft ungenügend an Metropolen angeschlossen. (Bild: Miguel Angel/Unsplash)

Aktuelle Berechnungen des Ifo-Instituts schätzen, dass 56 Prozent der Erwerbstätigen in Deutschland, in Metropolen mit mehr als 500.000 Einwohnern sogar 65 Prozent, aus dem Homeoffice arbeiten können. Auch, dass der Wunsch nach mehr Flexibilität bezüglich Zeit und Ort bei einer deutlichen Mehrheit der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer vorhanden ist, wurde mehrfach in verschiedenen Studien und Umfragen belegt. Aber was könnte dies für die zukünftige Stadtentwicklung bedeuten?

Die Digitalisierung beziehungsweise die „Smartisierung“ von urbanen Räumen ist wenig agil, da die meisten Projekte durch bürokratischen Aufwand und komplexe Industriepartnerschaften nicht flexibel auf sich wandelnde Gegebenheiten reagieren können. Dabei werden urbane Räume nicht nur durch Technologie, Kommunalpolitik und ihre Anwohnerschaft geprägt, sondern auch durch Megatrends wie den demographischen Wandel, Klimawandel, Umweltproblematiken oder eben externe Schocks wie Covid-19.

Gerade letztes, hat dazu geführt, dass das Konzept des urbanen Raumes als Zentrum von Arbeit und Kapital hinterfragt wird: Kann und will man sich auf Jahrzehnte verschulden, um nah am Arbeitsplatz zu wohnen? Oder spart man sich zum Teil mehr als 50 Prozent der Anschaffungskosten für ein Eigenheim indem man in günstigere Regionen zieht und dafür eine längere Pendelstrecke an den verbleibenden zwei Bürotagen in Kauf nimmt? Kann man eventuell vom wirtschaftlichen Erstarken eines ländlichen Gebietes profitieren und dort sein Geschäft, den Friseursalon, die Bäckerei oder seine Praxis eröffnen, da dort zukünftig mehr zahlende Kunden wohnen?

Während wir also die Stadt auf mehr Zuzug, eine noch dichtere Büroarbeit und die Ansiedlung von Unternehmen vorbereiten, Infrastruktur sowie Energie- und Wasserversorgung an diesen Vorhersagen anpassen, hat sich realwirtschaftlich bereits abgezeichnet, dass sich Arbeit dezentralisieren wird und auch damit der erwartete Zuzug, gerade in Regionen mit starkem Nachfrageüberhang, ausbleiben könnte.

Unter Umständen könnte sich in manchen Regionen die Landflucht gar in eine Stadtflucht umkehren, sollten die ländlichen Kommunen ein mobiles Arbeiten infrastrukturell ermöglichen. Gerade in Europa und den USA kann es dazu führen, dass lange beschlossene Smart-City-Projekte nicht mehr den zukünftigen Anforderungen entsprechen könnten. Anstatt nur die Stadt technisch aufzurüsten, könnte und sollte die ICT-Infrastruktur in ländlichen Regionen und Kommunen ausgebaut werden. Die Devise sollte daher nicht nur Smart City, sondern auch Smart Countryside lauten.

Während die meisten Projekte einzeln oder im städtischen Verbund an Smart-City-Lösungen mit Industriepartnern arbeiten, wird die technologische Lücke zum Rest des Landes immer gravierender. Diese Entwicklung ist nicht smart, weshalb die Pandemie und die sich abzeichnende Arbeitswelt im New Normal eine Chance für ein digital-vernetztes und smartes Land darstellt, sodass Internet of Things Applikationen und Datenströme nicht nur in – und zwischen Metropolen fließen sollten, sondern überregional. Gerade intelligente Mobilitätskonzepte, die darauf abzielen die Symptome einer reinen Präsenzarbeitswelt zu bekämpfen, sollten auf den Prüfstand gestellt werden. Nicht weil die Intention nicht absolut richtig und nachhaltigere Mobilitätskonzepte zwingend erforderlich wären, sondern weil sich die Ursache des Symptoms „Verkehrskollaps“ durch zeitliche und örtliche Arbeitsflexibilisierung selbst erledigen könnte. Daher wäre es sinnvoller das New Normal abzuwarten, Daten zu sammeln und aktuelle Projektkonzeptionen der Empirie anzupassen.

Gerade in Zeiten, in denen viele Kämmereien nicht mit übersprudelnden Einnahmen rechnen können, wäre es sinnvoll die verwandten Ressourcen sinnvoll einzusetzen und die Investitionen der sich abzeichnenden Zukunft anzupassen. Unter Umständen müssen Teile von Smart-City-Projekten pausiert, überdacht oder neuverhandelt werden, um dann in erster Stufe das ländliche Umland jener Metropolen besser technisch anzuschließen. Da Smart-City-Projekte oftmals initiiert werden, um den Wirtschaftsstandort zu fördern, wäre die strategische Neuausrichtung für einige Städte der smarte Schachzug, um ihre Ziele zukünftig zu erreichen. Nicht nur die Wirtschaftsstandorte, sondern auch die Einwohner/innen würden es danken.

Ein Beitrag von Viktor Weber, Gründer des Future Real Estate Institute  mit Sitz in Regensburg.

16.11.2020