zurück

Wework: Interview mit dem Immobilien-Chef für Nordeuropa

Heiko Himme, Head of Real Estate Nord- Zentral- und Osteuropa von Wework, soll den Expansionkurs des Unternehmens in Europa mit den benötigten Immobilien unterfüttern. Ein Gesprächsprotokoll zu Strategie, Geschäftsmodell und neuen Standorten.

(Foto: WeWork)

Viele Jahre lang bekleidete Heiko Himme führende Positionen bei großen Immobilienberatungsunternehmen. Er war Mitglied im deutschen Executive Board von DTZ und brachte es später zum Leiter der Office Agency Deutschland von Cushman & Wakefield.

Ende 2018 wechselte er als Vice President, Head of Real Estate Nord- Zentral- und Osteuropa zu Wework. In dieser Position leitet er das Team zur Standort-Expansion des Anbieters von flexiblen Büroflächenlösungen. Im Hintergrundgespräch mit immobilienmanager hat er verraten, warum We Work kein Coworking-Anbieter (mehr) ist und welche strategischen Ziele das Unternehmen hierzulande verfolgt.

Heiko Himme (Foto: Cushman & Wakefield)
Heiko Himme (Foto: Cushman & Wakefield)

Heiko Himme über…

…Neue Wework-Standorte: „Wir haben klar definierte Wachstumspläne insgesamt, verfolgen jedoch keinen Masterplan, der besagt, dass wir bis zu einem bestimmten Zeitpunkt in bestimmten Städten vertreten sein müssen. Generell liegt unser Fokus auf großen Märkten. Wir haben in Europa mit London und Paris begonnen und mittlerweile in Deutschland zwölf Standorte, die Hälfte in Berlin und jeweils zwei in Hamburg, Frankfurt und München. In Köln und Hamburg haben wir bereits zwei weitere angekündigt, in München einen und in Berlin noch einmal fünf.“

…Anforderungen an Immobilien: „Grundsätzlich suchen wir nach zentralen Flächen, in denen wir mindestens 500 Mitglieder unterbringen können. Je größer die Fläche, desto besser, da der Mehrwert des Networkings in der Community mit der Größe steigt, und Mitglieder auf eine größere Anzahl von Services anderer Mitglieder zugreifen können. In Berlin haben wir zum Beispiel zweimal 13.000 Quadratmeter angemietet, in London sogar 65.000 Quadratmeter. Momentan muss man natürlich sagen, dass es auch für uns anspruchsvoll ist, auf dem leergefegten Markt kurzfristig verfügbare passende Flächen zu finden.“

…das Wework-Wachstum: „Mittlerweile haben ein Drittel unserer Mitglieder mehr als 1.000 Mitarbeiter. Das ist auch eine der Quellen für unser massives Wachstum, denn in immer mehr Unternehmen wird in großen Projektteams gearbeitet, die für einen mittelfristigen Zeitraum zusammengestellt sind und sofort loslegen sollen. Noch vor wenigen Jahren gab es diesen Bedarf gar nicht und in eigenen Flächen können Unternehmen diese Flexibilität auch heute gar nicht abbilden. In Zeiten von New Work nimmt die Nachfrage immer weiter zu, so dass wir mittlerweile zum Beispiel in London mehr als 3.000 Desks für Großunternehmen haben oder die Deutsche Bahn mit 250 Mitarbeitern in Berlin bei uns sitzt. Auch ein Drittel der Fortune 500 Unternehmen sind mittlerweile bei uns Mitglied.“

…das Hybrid-Modell: „Der Ursprung unseres Unternehmens liegt in der Gemeinschaft, für unser Bürogeschäft ähnlich dem klassischen Coworking. Über die Jahre hat sich daraus ein hybrides Modell entwickelt mit gemeinschaftlich genutzten Flächen und Private Offices. Es gibt die Hot Desks im Community Space, dem offenen Bereich. Dazu gibt es die Dedicated Offices mit festem Schreibtisch in gemeinsam genutzten, verschließbaren Büros, und die Private Offices, also exklusive Bereiche für ausschließlich ein einziges Unternehmen. Im Berliner Atrium-Tower sind von unseren 15 Stockwerken zum Beispiel acht Stockwerke von Einzelunternehmen als Private Offices genutzt.“

…zukünftige Modelle: „Zwei neue Modelle sind ‚headquarters by Wework‘ und ‚Powered by We‘. Beim Headquarter bieten wir einzelne Mietflächen und ganze Gebäude mit Service-Komponenten für Unternehmen an, die ihren individuellen Bedürfnissen nach Privatsphäre, Identität und Flexibilität gerecht werden. Unternehmen können zwischen verschiedenen Designvarianten und in Teilen auch customized Lösungen wählen. ‚Powered by We‘ wiederum ist ein Full-Service Angebot, bestehend aus Beratungsleistung, Raum- und Technologielösungen. Wir nutzen unser Know-how um Unternehmen bei ihrer Workplace Strategy und dem Ausbau ihrer eigenen Flächen zu beraten und übernehmen auf Wunsch den Betrieb dieser Flächen. Ein Beispiel hierfür ist zum Beispiel das Wealth Management USA Headquarter von UBS in New Jersey.“

…neue Geschäftsfelder: „In den USA haben wir mittlerweile drei Co-Living-Standorte eröffnet. Das Modell ist auch grundsätzlich gut und richtig, hat in Deutschland momentan aber keine Priorität. Wir werden übrigens auch nicht selbst unter die Projektentwickler gehen, sondern wollen stattdessen gemeinsam als deren Partner agieren. Wir werden aber unser Bildungsangebot ausbauen. Mit der Flatiron School bieten wir bereits Coding-Kurse in den USA und in London an, und 2018 haben wir in New York WeGrow eröffnet, unsere erste Grundschule. In der gleichen Stadt bieten wir Made by We, eine Mischung aus Geschäft, Büroflächen und Café, in dem Nutzer spontan einen Schreibtisch oder Konferenzraum buchen können, der nach Dauer der Nutzung, auch ohne Mitgliedschaft, abgerechnet wird. Was alle Geschäftsfelder gemeinsam haben, ist dass es darum geht, Menschen zusammen zu bringen und neue Lösungen für Arbeiten, Leben und persönliche und professionelle Weiterentwicklung zu bieten.“

…Vertragsarten: „Wir schließen in Deutschland meist Standardmietverträge mit kleineren Besonderheiten, etwa weil wir auch Alkohol ausschenken oder weil bei uns Hunde erlaubt sind. Eine Ausnahme sind die Betreiberverträge, bei denen wir partnerschaftliche Verträge mit Eigentümern eingehen etwa mit einem Revenue Share. In Deutschland ist das noch nicht so häufig, aber die Nachfrage steigt. Dafür sind wir immer offen und schließen solche Verträge im Ausland bereits häufiger ab.“

Das Gespräch führte Markus Gerharz.

Wework hat weltweit seine Mitglieder für einen Global Impact Report befragt. Die wichtigsten Ergebnisse:

  • 50 Prozent ihnen ihre Mitgliedschaft dabei geholfen hat, neue Märkte zu erschließen.
  • 78 Prozent gab an, dass sich ihre Talentakquise verbessert hat.
  • 80 Prozent sagt, dass die eigenen Mitarbeiter produktiver sind.

2018 konnte We Work weltweit seinen Umsatz auf 1,8 Milliarden US-Dollar verdoppeln. Aufgrund des massiven Standort-Wachstums kletterte allerdings auch der Verlust extrem in die Höhe – laut Medienberichten von 933 Millionen auf 1,9 Milliarden Dollar. We Work zählt inzwischen mehr als 400.000 Nutzer an 425 Standorten in 100 Städten und 27 Ländern rund um den Globus.

 

09.05.2019